Prof. Dr. Seppo Hentilä
Universität Helsinki
Mitglied des Vorstands der Stiftung Finnland-Institut in Deutschland
Eröffnungsvortrag
Gehalten im deutsch-finnischen Kolloquium „Im Schatten der Waffenbrüderschaft“, veranstaltet durch das Finnland-Institut in Deutschland in Zusammenarbeit mit dem Nationalarchiv Finnlands am 27.10.2005 in Berlin
Zum Hintergrund des Themas unseres heutigen Kolloquiums, „Im Schatten der Waffenbrüderschaft“, möchte ich zur Lage der Aktuellen Geschichtsdebatte in Finnland einiges erläutern.
Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die öffentliche Geschichtsdebatte in Finnland durch das Hin und Her über Finnlands „Finnlandisierung“ dominiert worden. In diesem Streit geht es um die historische Deutung der außerordentlich langen Machtperiode des Staatspräsidenten Urho Kekkonen (im Amt von 1956 bis 1981). Am meisten kritisch wird der Stil seiner Machtausübung betrachtet – dass er skrupellos seine persönlichen Beziehungen zu der obersten Sowjetführung von Chruschtschow zu Breschnew als ein Mittel für die Stärkung seiner eigenen Machtposition in der finnischen Innenpolitik ausgenutzt hat.
Das Ende des Kalten Krieges hat tatsächlich auch das Ende des Zweiten Weltkrieges bedeutet, und zwar in der Hinsicht, dass einige für lange Zeit geschlossene Schranken zur historischen Deutung des Zweiten Weltkrieges erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Finnland geöffnet werden konnten. Vor allem hat das bedeutet, dass der Krieg, sowohl der Winterkrieg als auch die Abschlussphase des so genannten Fortsetzungskrieges ab Sommer 1944 als Finnlands „Abwehrsieg“ heroisiert werden konnte.
Das Erinnern an Sechzig Jahre vom Kriegsende hat zwangsläufig die Gesamtkonstellation des Zweiten Weltkrieges zur Diskussion gerückt. So konnte man auch nicht die Tatsache verschweigen, dass Finnland über drei Jahre, vom Sommer 1941 bis Herbst 1944 als Hitlers Waffenbruder gegen den gemeinsamen Feind, die Sowjetunion, gekämpft hatte. Ich möchte hier keineswegs behaupten, dass man bei uns darüber früher völlig geschwiegen hätte, nein, aber ich behaupte, dass man auf die tiefe historische Bedeutung der verschiedenen Schattenseiten der Waffenbrüderschaft bei uns bisher nicht richtig nachgedacht hat.
Wir wissen mittlerweile schon viel über die verschiedenen Auswirkungen der deutsch-finnischen Waffenbrüderschaft, sogar hat man in den letzten Jahren intensiv den Alltag der deutschen Truppen untersucht. Insgesamt waren über 200000 Mann in Finnisch Lappland stationiert. Es war eindeutig mehr als die Zahl der gesamten Zivilbevölkerung auf diesem Gebiet damals. Mangel an historischen Erkenntnissen ist nicht mehr das Problem, sondern es ist: Wie haben sich die Finnen mit der Tatsache umgegangen, dass ihr Land im Zweiten Weltkrieg Hitlers Kumpan und aus der Sicht des demokratischen Westens und der nordischen Nachbarländern Deutschlands Verbündete und ein Feindesland war.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges drohte die Waffenbrüderschaft mit Deutschland eine schwere politische Belastung für Finnland werden, aber eigentlich niemand, nicht mal der Sieger, die Sowjetunion, Finnland zur Verantwortung für die Gräueltaten des Dritten Reiches gezogen hat. Die Sowjetunion, mit der Finnland im September 1944 einen Separatfrieden geschlossen hat, hat Finnland im April 1948 zu ihrem Machtbereich mit einem Beistandspakt gebunden. Der 2. oder der so genannte Militärartikel dieses Paktes basierte auf eine potentielle militärische Drohung von Deutschland über finnisches Territorium gegen die Sowjetunion, und wenn Finnland nicht in der Lage gewesen wäre, diese Drohung zu verhindern, wäre es verpflichtet gewesen, Konsultationen mit der Sowjetunion über eine militärische Hilfe der Roten Armee zu führen.
Der Beistandspakt wurde dreimal verlängert, zuletzt noch im Jahre 1983, und ist mit Dot und Komma gleich geblieben. So wurde Finnlands internationale Stellung während des Kalten Krieges dadurch bestimmt, dass die Finnen auf der Seite Deutschlands gegen die Sowjetunion gekämpft hatten.
In der Nachkriegssituation war es für Finnland vorteilhaft je weniger seine Teilnahme an dem Zweiten Weltkrieg in der Verbindung zu Hitlers Krieg gesehen und gesprochen wurde. Es gelang den Finnen eigentlich ausgezeichnet die Begründung durchzusetzen, dass sie weder politisch noch moralisch irgendeine Verantwortung über Hitlers Kriegsziele tragen würden. Schon während des Krieges hatte die finnische Regierung verkündet, ihr Land führe einen Separatkrieg, dessen Ziel ist nur eines: die Wiedergutmachung des Unrechts, das die Sowjetunion getan hatte, als sie im November 1939 auf Grund des Hitler-Stalin-Paktes den so genannten Winterkrieg gegen Finnland angefangen hatte. Deswegen bekam der Zweite Weltkrieg ab 1941 von den Finnen den Namen „Fortsetzungskrieg“, also als Fortsetzung des Winterkrieges.
Die These dass Finnland einen separaten Krieg geführt hatte, konnte man mit gewichtigen Tatsachen begründen: Finnland hatte keinen offiziellen Bündnisvertrag mit Deutschland unterschrieben, es hat nicht die deutschen Kriegsziele in allen Punkten verwirklichen wollen. Zwei wichtige Beispiele sollen hier genannt werden: Marshall Mannerheim hat sich geweigert so wohl an die Operation zur Eroberung der Stadt Leningrad als auch and die Operation zum Abschneiden der Murmansk Bahn zu beteiligen.
Die finnische Geschichtsschreibung erklärte nach dem Krieg Finnlands Beitritt zum Krieg mit der so genannten Treibholztheorie. Laut dieser Erklärung war Finnland zum Krieg gegen sein Willen gezogen worden und ohne eigene aktive Mitwirkung, in der Art und Weise wie das Hochwasser im Frühling einen Holzstamm vom Ufer eines Flusses mit sich reißt. Die Absicht dieser Treibholztheorie war die politische und militärische Führung des Landes von der Verantwortung der Waffenbrüderschaft mit Hitler freizusprechen. Diese Verantwortung mussten jedoch die acht führenden Politiker der Kriegszeit tragen, die im Jahre 1946 im so genannten Kriegsschuldigenprozess zu Freiheitsstrafen von 2 bis 10 Jahren verurteilt wurden.
Die Forschungslage zur Geschichte der finnisch-deutschen Waffenbrüderschaft, wie ich vorhin schon vorhin angedeutet habe, ist relativ gut hinsichtlich der politischen Geschichte und der Militärgeschichte. Mauno Jokipiis überzeugende Forschungen, vor allem sein Werk „Die Entstehung des Fortsetzungskrieges“ aus dem Jahre 1987, widerlegen die Treibholztheorie von Stück zu Stück. Jokipii zeigt, dass die politische Führung, der innere Kreis der Regierung Finnlands im Frühjahr und Frühsommer 1941 bewusst ihre Seite wählte, als sie den Beschluss fasste, den Krieg zur deutschen Seite zu betreten. Die andere Alternative, ein Bündnis mit der Sowjetunion – in der Situation nach dem Winterkrieg – war nicht einmal theoretisch möglich. Die dritte Alternative, ein Versuch neutral zu bleiben, existierte ebenso nicht, weil Hitler für die Verwirklichung seiner Operation Barbarossa auf der nordischen Flanke finnisches Territorium unbedingt brauchte. Deutsche Truppen hätten letztendlich Finnland okkupiert, sie waren schon seit einem Jahr in Nordnorwegen. So hätte der Neutralitätsversuch wahrscheinlich dazu geführt, dass das Territorium Finnlands ein Schlachtfeld zwischen den Deutschen und der Roten Armee geworden wäre.
In einer Notlage 1941 musste Finnland also zwischen dem Teufel und dem Satan wählen. In der damaligen Situation gab es keinen Zweifel daran, wer von den beiden wer war. Für die Finnen war Josif Stalin nicht nur der Satan sondern sogar der Hauptsatan. Hitler dagegen war, wie der finnische Staatspräsident Risto Ryti in seiner Radioansprache am 26. Juni 1941, nach dem Finnland sich an die Operation Barbarossa angeschlossen hatte, für das ganze finnische Volk erklärte, „der geniale Führer des deutschen Volkes“, mit deren Hilfe „die Chancen der Finnen in diesem neuen Krieg vielfach optimistischer aussahen als im Winterkrieg, in dem das finnisch Volk allein den Druck der östlichen Barbarei aushalten musste“.
Neben der Wiedergutmachung des Winterkrieges wurde die Waffenbrüderschaft tatsächlich mit der Wahl zwischen Hitler und Stalin legitimiert, und in dieser Wahl gab es letztendlich für die Finnen keine zwei Alternativen. Im Kampf um Finnlands Freiheit und Selbständigkeit gegen Stalins Sowjetunion konnte die Bündnis mit Adolf Hitler auch später, auch nach dem was die Finnen, wie die ganze Weltöffentlichkeit, von seinen Verbrechen erfahren haben, entschuldigt werden.
So lange der Beistandspakt mit der Sowjetunion in Kraft war, also bis zur großen europäischen Wende 1989-91, sollten die Finnen möglichst wenig über ihre alten Verbindungen mit dem Dritten Reich reden. Vom Militärartikel des Paktes abgesehen erpresste die Sowjetunion Finnland nicht wegen der alten Sünden. Als Beispiel vom Stil des östlichen Nachbarn habe ich in meiner Erinnerung Verhandlungen irgendwann Ende der 1970r Jahren mit den sowjetischen Kollegen über die Themen für das gemeinsame finnisch-sowjetische Historikerseminar. Als die Finnen vorschlugen, die Probleme des Zweiten Weltkrieges zu behandeln, antwortete der Leiter der sowjetischen Delegation Akademiemitglied Saskolski: „Wir sind doch Freunde und gute Nachbarn, lassen uns nicht unsere schöne Tagung mit solchen unangenehmen Themen verderben, lassen uns gemeinsame, positive Geschichte behandeln.“
Die Überschrift unseres heutigen Kolloquiums lautet „Im Schatten der Waffenbrüderschaft“. Gemeint ist eine besonders düstere Schattenseite, nämlich die Menschenauslieferungen, Kriegsgefangenen in deutscher Hand, Schicksale von Menschen, darunter auch von Juden, in diesem Zusammenhang. Ich bin selbst keineswegs Fachmann auf diesem Gebiet, so sage ich nicht viel mehr. Initiative zur Organisierung von diesem kleinen deutsch-finnischen Expertentreffen ist von Finnland gekommen. Vielleicht einiges zum Hintergrund. Vor zwei Jahren, 2003, ist in Finnland ein dokumentarisches Buch unter dem Titel „Die Ausgelieferten“ (Luovutetut) von Elina Sana erschienen.
Die Nachricht, dass die Finnen etwa 3000 sowjetische Kriegsgefangene an die Deutschen sowie einige Hunderte Zivilisten an die Gestapo ausgeliefert hätten, machte Schlagzeilen in der internationalen Presse vor zwei Jahren. Die Frage, wie viel Juden unter den Ausgelieferten gewesen wären, führte zu einem Brief vom Simon Wiesenthal Center an Finnlands Staatspräsidentin Tarja Halonen.
Die finnische Regierung beauftragte dann Herrn Prof. Heikki Ylikangas, der auch an unserem Kolloquium teilnimmt, ein Gutachten zur Forschungslage zu Menschenauslieferungen aus Finnland zu schreiben. Auf Vorschlag von Ylikangas wurde dann durch eine Sonderfinanzierung des Parlaments das Forschungsprojekt „Finnland. Kriegsgefangenschaft und Auslieferung 1939–1955“ im finnischen Nationalarchiv im Sommer 2004 gegründet.
Vor einem Jahr kam es zu einem Gespräch mit dem Generaldirektor des finnischen Nationalarchivs, Herrn Dr. Jussi Nuorteva vor, wie wichtig es wäre, dass das Projekt engere Kontakte zu den deutschen Experten auf dem Gebiet der Kriegsgefangenenforschung knüpfen könnte. Meine Frau, Dr. Marjaliisa Hentilä, die seit Anfang dieses Jahres das Finnland-Institut in Deutschland in Berlin leitet, hat das Forum und finanziell-organisatorische Unterstützung für dieses Kolloquium zugesagt.
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es freut mich sehr Sie alle hier heute zu sehen, und ich hoffe dass dieses eintägige Treffen weitere Bahnen für Zusammenarbeit zwischen den Spezialisten auf diesem Forschungsgebiet öffnen könnte.